Harnblasenkrebs

Medizinischer Name
Urothelkarzinom

Inzidenz
Das Blasenkarzinom ist der häufigste Tumor des Harntrakts, wobei ca. 90–95 % der Blasenkarzinome sogenannte Urothelkarzinome sind. Im Jahr 2006 wurden in Europa über 10.000 Fälle mit Harnblasenkarzinom diagnostiziert, wobei Männer eine nahezu 4-fach höhere Wahrscheinlichkeit als Frauen haben, daran zu erkranken. Die Inzidenz (d.h. Anzahl der Neuerkrankungen) dieses Tumors hat sich in den vergangenen 5 Jahren nicht verändert.

Risikofaktoren

  • Aktives und passives Rauchen
  • Exposition chemischer Substanzen
  • Strahlentherapie im kleinen Becken
  • Chronische Entzündungen

Klassifikation / Stadieneinteilung
Die Klassifikation / Stadieneinteilung orientiert sich an der sogenannten TNM-Klassifikation der Union for International Cancer Control (UICC) aus den Jahren 2002, 2005 und 2010 (T steht für Tumor, N für Lymphknotenbefall und M für Metastasen).

T1-Tumore sind auf die Schleimhaut beschränkt, T2-Tumore wachsen in die Muskelschicht der Harnblase ein, T3-Tumore wachsen bis in das Fettgewebe um die Blase, und T4-Tumore wachsen bereits in angrenzende Organe wie Prostata oder Gebärmutter ein.

N1 – N3 steht für die Anzahl und die Ausbreitung der befallenen Lymphknoten im Bauchraum.

M0 bedeutet, es sind keine, M1 jedoch, es sind bereits Fernmetastasen nachweisbar.

Zusätzlich wird zwischen invasiven und nicht-invasiven urothelialen Tumoren unterschieden, und histologisch das sogenannte Grading (d.h. der Differenzierungsgrad des Tumors) beschrieben.

Therapiestrategien
Da rund 70 % aller primär diagnostizierten Urotheltumore zum Diagnosezeitpunkt nicht muskelinvasiv (d.h. auf die Schleimhaut beschränkt) sind, liegt deren Diagnostik und Therapie in der Domäne der Urologie. Bei Makrohämaturie (sichtbarem Blut im Harn), einem der Leitsymptome, erfolgt nach bildgebenden Verfahren (z.B. Röntgen, Ultraschall), Harnzytologie (Beurteilung allfälliger Zellen im Urin) und Blasenspiegelung im Regelfall eine transurethrale (d.h. durch die Harnröhre mittels Blasenspiegelung durchgeführte) Resektion bis in die Muskulatur. Vor allem bei großen Tumoren wird eine getrennte Resektion des Tumorrandes, unter Umständen sogar eine Nachresektion innerhalb der ersten 6 Wochen angeschlossen.

Anschließend erfolgt eine Risikostratifizierung der Patienten nach Anzahl der in der Blase gefundenen Tumore, nach Größe, Differenzierungsgrad, und Tumorstadium, und ob ein sogenanntes Carcinoma in situ (ein Frühstadium eines Karzinoms, das noch nicht invasiv wächst) vorliegt (s.a.: www.eortc.be/tools/bladdercalculator).

Bei Vorliegen eines höheren Risikos können nach der Operation Lokaltherapien erfolgen, wie z.B. lokale Chemotherapien oder Immuntherapien.

Die Nachsorgen erfolgen in Abhängigkeit vom Tumorstadium.

Bei muskelinvasiven Tumoren (rund 30 %) rezidivieren die Karzinome, je nach Lymphknotenbefall, im Laufe der Zeit in bis zu 50 % (zumeist als Fernmetastasierung), wobei allerdings bei bis zu 15 % der Patienten bereits zum Diagnosezeitpunkt Metastasen vorliegen.

Die Therapie der Wahl bei diesen Tumoren ist die radikale Zystektomie (d.h. eine vollständige Entfernung der Harnblase) mit pelviner Lymphadenektomie (Entfernung sämtlicher Lymphknoten im Becken), seltener kommen blasenerhaltende operative Maßnahmen zum Einsatz.

Die Chemotherapie des muskelinvasiven Karzinoms, im Regelfall nun eine Domäne der Internistischen Onkologie, unterteilt sich in neoadjuvante, adjuvante, oder palliative Ansätze.

Eine neoadjuvante (also vor der Operation durchgeführte) Chemotherapie mit Platin-Derivaten kann die 5-Jahres-Mortalität (d.h. die Wahrscheinlichkeit, innerhalb der ersten 5 Jahre nach Diagnosestellung an diesem Karzinom zu versterben) bei Patienten in gutem Allgemeinzustand signifikant reduzieren.

Die Effektivität einer adjuvanten (nach der Operation durchgeführten) Chemotherapie wird derzeit noch im Rahmen klinischer Studien evaluiert.

Die palliative Chemotherapie bei Vorliegen von inoperablen Metastasen verwendet vor allem Cisplatin oder Platinderivate, wobei bei einer Kombinationschemotherapie auch ein gutes Langzeit-progressionsfreies Überleben von ~ 15 % erreicht wird, oder sogar eine sekundäre chirurgische Sanierung der Metastasen ermöglicht werden kann. Für neuere Zytostatika mit vielversprechenden Ansätzen liegen derzeit noch keine validen Daten größerer, randomisierter Studien vor.

Literatur beim Verfasser
Univ. Prof. Dr. Gottfried J. Locker
Universitätsklinik für Innere Medizin I

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